Im Mai 1998 hatte ich die einmalige Gelegenheit, für das Stift Cappel als Multiplikator nach Sibirien zu reisen. Und es war echt ' cool 'dort: (Autorisierte Fassung)
Schule und Sozialarbeit in Sibirien - Frauenpower mit allen Mitteln
Bericht über eine abenteuerliche Dienstreise in die sibirische Metropole Krasnojarsk
von Uli Langer
 
 

 Lippstadt - Wer seinen Dienst als Lehrer in einer kleinen deutschen privaten evangelischen Berufsfachschule für Sozial- und Gesundheitswesen antritt, darf sicherlich nicht die Vorstellung haben, einmal über den Tellerrand gesamtdeutschen Schulalltags blicken zu können. Zumal wenn derselbe Pädagoge wegen 10jähriger Lehrerarbeitslosigkeit diese Phase seines Lebens durch Ersatzjobs im Bereich offener Jugendarbeit und sozialpädagogischer Familienhilfe gefüllt hatte und um die Zusammenhänge von sozialem Alltag der Schüler und Schulwirklichkeit in Deutschland zu wissen meint.
Was sollte mich ‘Experten’ eigentlich noch beeindrucken, dachte ich mir im Spätsommer 1997 und begann an der evangelischen Berufsfachschule Stift Cappel in Lippstadt zu unterrichten. Und dann wurde doch alles anders als erwartet !
Vor mir in den Schulbänken saßen nicht nur deutsche und ausgesiedelte Schüler, sondern auch vier russische Austauschschülerinnen aus Krasnojarsk in Sibirien, hoch motiviert und als Multiplikatoren für ein Jahr an ‘ meiner Schule ‘, um das Gelernte danach in der Heimat in ihren Schulen umzusetzen. Vor ihnen waren bereits 35 junge Krasnojarsker im Bereich Sozial- und Gesundheitswesen ausgebildet worden. Ihr Sprachproblem war mein Schlüssel zu einer für mich bis dato gänzlich unbekannten Welt. Als Anglist waren mir England und Amerika aus persönlichen Erfahrungen in mehreren Urlauben und durch dort wohnende Freunde bestens vertraut - Sibirien bedeutete terra incognita für mich.
Ich begann also den sibirischen Schülerinnen Deutschunterricht zu erteilen und war fasziniert, mit welchem Eifer die jungen Frauen aus Rußland bei der Sache waren. Ihr Engagement war auch der Motor bei der Teilnahme unserer kleinen Schule am Landesschülerwettbewerb NRW 1997/98 ‘ Begegnung mit Osteuropa ‘, die mit einem ersten Preis sehr erfolgreich abgeschlossen wurde.
Zum erstenmal spürte ich dabei etwas von der Power, mit der ich dann im Mai/Juni 1998 vor Ort in Krasnojarsk/Sibirien konfrontiert werden sollte. Ganz überraschend war ich von meinem Schulleiter Herrn H.Strutz gefragt worden, ob ich nicht Lust hätte, im Rahmen eines seit 1990 existierenden Partnerschaftsprojektes mit 3 Berufsschulen in Krasnojarsk + Atschinsk/Sibirien einmal selbst als Multiplikator dorthin zu gehen, um im Unterricht zu hospitieren, selbst Unterricht zu erteilen und Impulse für die neu aufgenommene Sozialarbeit zu geben. Er gab mir eine Woche Bedenkzeit, die Antwort hätte ich ihm sofort geben können.
Und so flog ich Mitte Mai 1998 mit einem Kollegen für drei Wochen Richtung Osten, weiter als je zuvor und in ein Land, von dem ich nicht allzu viel wußte. Die Reise schien unter keinem guten Stern zu stehen, als wir in Moskau unseren Anschlußflieger nach Sibirien verpaßten. Irgendwie gelang es uns aber dann doch noch Krasnojarsk mit nur einem Tag Verspätung  zu erreichen. Zu unserer großen Überraschung  war auch das obligatorische Empfangskommittee zur Stelle. Es war uns in Moskau nicht gelungen, Kontakt mit ihnen zu bekommen. So hatte es einfach kurzerhand jedes Flugzeug von Moskau kommend geduldig abgewartet. Zum Empfangskommittee zählten die stellvertretenden Direktorinnen unserer Partnerschulen in Krasnojarsk und unser Dolmetscher, ohne den - wie sich schnell herausstellte - nichts möglich gewesen wäre. Wir hatten zwar einen Russisch-Crash-Kurs in Lippstadt absolviert, aber mehr als Small-Talk war damit nicht zu leisten. 
Bei der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum der Millionenstadt Krasnojarsk schossen mir die vielen Vorurteile und Klischees über diesen mir unbekannten Teil der Erde durch den Kopf. Einiges davon konnte ich sofort verifizieren - die Straßen und ein Großteil der Häuserfassaden waren in einem erbärmlichen Zustand und beeinflußten den ersten ja so wichtigen (?) äußeren Eindruck sehr negativ. Später wurden uns die Gründe dafür genannt: die langen Winter verhindern einfach einen konstruktiven Straßen- und Häuserbau. Und es kommt im Sommer immer wieder vor, daß es tagelang kein Wasser gibt, weil die Leitungen repariert werden müssen. All das wird von den Menschen in Sibirien mit sehr viel Gleichmut ertragen, für sie sind das  peanuts.
Viel  gravierender und die Existenz oftmals ernsthaft bedrohend sind da schon ausbleibende Lohnzahlungen. So hatten die Lehrer im Mai noch nicht ihr Gehalt für April bekommen, eine für uns unvorstellbare Situation, wenn man bedenkt, daß das sibirische Preisniveau westliche Dimensionen angenommen hat. Überleben können die sibirischen Menschen da nur mit viel Improvisation und Kreativität. Und dabei spielen die Frauen eine ganz außergewöhnliche Rolle, wie wir es in den Bereichen Schule und Sozialarbeit eindrucksvoll miterleben durften.

An den von uns besuchten Berufsschulen konnten wir Elemente der alten Lehr- und Produktionsanstalten wiederentdecken, die Schülern und Lehrern gleichermaßen die Chance bieten, Grundbedürfnisse des Alltags zu befriedigen.
So wurde in einer Friseusenausbildungsklasse nicht nur unterrichtet, sondern am Nachmittag wurde der Klassenraum zum Frisörsalon umfunktioniert, und Schüler frisierten Lehrern und Freunden für ein kleines Entgelt die Haare.
In den Textil- und Designklassen nebenan wurden nicht nur verschiedene Schnitttechniken,Farb- und Stofflehre vermittelt, sondern auch auf Bestellung Anzüge und Kostüme geschneidert und für einen moderaten Preis verkauft.
Im Kunstunterricht verstaubten die gebastelten Exponate nicht in irgendwelchen Vitrinen, sondern gingen auf direktem Weg in soziale Einrichtungen wie Kinder- und Altenheime.
Die Schüler profitieren von ihrer im Unterricht geleisteten Arbeit im doppelten Sinn.
Zum einen erlernen sie natürlich die Fertigkeiten, die sie später im Beruf benötigen. Zum anderen identifizieren sie sich aber auch mit ihrer Schule, die ihnen die Chance zum Nebenerwerb eröffnet. Und Geld können sibirische Schüler mindestens ebenso gut gebrauchen wie ihre deutschen Kollegen, zumal das Zentrum Krasnojarsks in weiten Teilen den Freizeitwert westlicher Metropolen erreicht hat, eine Entwicklung, die auch vom neugewählten Gouverneur A.Lebed forciert wird. Einen dritten Aspekt des sibirischen Berufschulalltags betraf vor allem die Klassen, die seit 1991 nach dem Vorbild der evangelischen Berufsfachschule Stift Cappel Sozialarbeiter ausbildeten. In Sibirien müssen - genau wie in Deutschland auch - berufsvorbereitende Blockpraktika vor Ort geleistet werden, also zum Beispiel im Krankenhaus oder in der ambulanten Pflege, genau wie bei uns. Den von uns besuchten Berufsschulen war aber auch - im Unterschied zu den deutschen Schulen - immer eine Diakoniestation/Sozialstation
angegliedert, in der ehemalige Schüler - auch aus Lippstadt - ihren Dienst versahen. Diese Verzahnung von Schule und Sozialarbeit hat sich in der Vergangenheit als sehr positiv erwiesen, da die Schüler ganz konkret Versatzstücke ihrer späteren beruflichen Tätigkeit immer vor Augen haben.
Wenn Schule so funktioniert, dann gibt es deutlich weniger Spuren von Aggression und Schulmüdigkeit in ihr. Und in der Tat, Vandalismus oder Schulverweigerer waren an den von uns besuchten Schulen unbekannte Phänomene. Die Schüler waren engagiert und diszipliniert im positiven Sinn, ein Miteinander von Lehrern und Schülern schien möglich.
Die Lehrerkollegien bestehen zu 90% aus Frauen, da der durchschnittliche Monatsverdienst  bei nur 900 Rubel (=300 DM) liegt, wenn er denn ausgezahlt wird.
Da arbeiten die Männer eher in der Industrie, sind arbeitslos  oder machen sich mit dubiosen Geschäften selbständig. 
Im Unterricht vollzieht sich momentan ein methodischer Wechsel weg vom Frontalunterricht hin zum Einsatz von liberaleren Elementen wie Partnerarbeit und Gruppenarbeit, so wie er insgesamt in der gesellschaftlichen Entwicklung Rußlands zu erleben ist.

 Dem Schüler wird mehr Eigenständigkeit zugetraut, zentralistische Tendenzen sind auf dem Rückzug. Das ist für viele Lehrer noch gewöhnungsbedürftig, wir haben aber deutlich eine große Offenheit für die von uns vorgestellten neuen Unterrichtstechniken wie ‘ brainstorming, team teaching, Rollenspiel und Skulpturarbeit ‘ gespürt.

Der Zustand des kommunalen Sozialbereichs in Sibirien hat uns am allermeisten verblüfft. Gekommen waren wir mit Bildern im Kopf wie von Kinderheimen als Verwahranstalten und unzureichender Versorgung der älteren und behinderten Menschen. Diese Vorurteile wurden im Verlauf unseres Aufenthalts gründlich revidiert. Die in Krasnojarsk und der näheren Umgebung von uns besuchten Kinder- und Altenheime, die ambulanten Pflegedienste und Behinderteneinrichtungen funktionierten nicht nur, sondern arbeiteten methodisch nach westlichen Standards, d.h. dem sytemischen Ansatz. In allen Einrichtungen lag der Focus der Aufmerksamkeit der dort arbeitenden Sozialarbeiter - wiederum zu über 90% Frauen - auf der Betrachtung der Wechselbeziehungen miteinander interagierender Objekte und ihrer Kommunikation. Den Klienten kommt dabei zu Gute, daß Personal in Sibirien nicht so kostenintensiv wie im Westen ist. Betreuerschlüssel von 1:3 sind in Krasnojarsk keine Seltenheit und bieten optimale Arbeitsbedingungen für das sozialpädagogische Personal.
Auch die materielle Ausstattung der Einrichtungen war zufriedenstellend und wurde mit viel Einfallsreichtum der Mitarbeiterinnen und mit Unterstützung der Berufsschulen erstellt und ergänzt. Abenteuerlich allerdings die Finanzierung einiger Kinderheime durch einmalige Zahlungen von Schlager- oder Showstars, eine Art Sponsoring, wie sie im Westen im sozialen Bereich ja auch immer mehr um sich greift, die aber eine verläßliche Arbeit ad absurdum führt.
Insgesamt gesehen waren die Kinder und Jugendlichen von einer großen Zufriedenheit mit ihren jeweiligen Betreuern gekennzeichnet, wohingegen die älteren Menschen doch oft den schlechten Zustand ihrer Grundversorgung und keine bessere Perspektive beklagten.

Alle nahmen sich viel Zeit für Gespräche mit uns, immer wurden wir sehr gastfreundlich empfangen und bewirtet und in vielen Menschen in Sibirien haben wir echte Freunde gefunden.
Als wir nach drei Wochen wieder in den Westen aufbrachen, wußte ich ganz sicher, daß meine neuen Freunde auf einem guten, hoffnungsvollen Weg in die Zukunft sind.

 Copyright by Uli Langer/1998

Wer sich bis hierher durchgekämpft hat, könnte mir auch noch kurz mailen, wie der Bericht ihm/ihr gefallen hat:

E-Mail: Uli.Langer@t-online.de